Peaks of the Balkans – auf eigene Faust durch die totale Isolation (Etappe 3 – 5)

Unsere Wanderung in einer der abgeschiedensten Regionen Europas geht weiter. Die nächsten Etappen verlaufen durch das schroffe Gebirge Albaniens. Wir erleben wieder einige Überraschungen, einschließlich einer nächtlichen Begegnung, die wir wohl nie vergessen werden…


Wenn ihr unseren Beitrag über die ersten beiden Etappen des Peaks of the Balkans noch nicht gelesen habt, könnt ihr dies hier nachholen. Darin findet ihr auch einige allgemeine Informationen zu dem Wanderweg. Welche Vorbereitungen wir getroffen haben, was es für Formalitäten zu beachten gab, wie der Inhalt unseres Rucksacks aussah und vieles mehr haben wir Euch in einem extra Bericht zusammengestellt. Von den Etappen 6 und 7 erzählen wir Euch in unserem dritten Beitrag der Peaks of the Balkans-Reihe. Nach der Wanderung sind wir noch durch Montenegro gereist, um das Land auch außerhalb der verlassenen Bergregion kennenzulernen. Dieser Bericht folgt bald.

Doch jetzt geht’s erstmal los mit unseren Wandererlebnissen. Bisher war der Peaks of the Balkans insgesamt angenehm zu laufen. Nur auf kürzeren Abschnitten mussten wir etwas klettern, aber der Schwierigkeitsgrad war immer leicht. Allerdings braucht es schon einiges an Kondition, um morgens zu Beginn der Etappe mal eben 1.000 Meter und mehr hochzulaufen und nach dem Tag im Gebirge eben auch wieder runter. Da müssen die schweren Rucksäcke schon gut eingestellt sein, um müde Rücken zu vermeiden und die Mittagspause nutzen wir gerne zum Füßehochlegen! Aber jetzt geht es weiter mit der nächsten Etappe:

3. Etappe Theth – Valbona

ca. 18 km – 1.050m ↗ – 800 m ↘

Das kleine Guesthouse Flodisa in Theth (auch Thethi geschrieben) serviert uns am Morgen ein selbstgemachtes Frühstück. Es gibt frisches Brot, eingelegte Beeren, Honig und einen typischen Käse der Region (Mishavinë). Für die Herstellung des Käses wird getrockneter Quark aus Schafs- und Ziegenmilch gesäuert. Geschmacklich erinnert er mich an saure Butter, weshalb ich nicht allzuviel davon essen kann. Thomas findet ihn aber ganz OK. Das Frühstück ist also etwas spärlicher als gestern, aber wir können trotzdem gestärkt in den Tag starten. Bevor wir die offizielle dritte Etappe beginnen, gucken wir uns den kleinen Ort an, der gerade einmal 80 Einwohner hat. Es gibt einen großen Schotterweg, der als Hauptstraße durch das Dorf führt. Mehrere kleinere Wege führen zu den wenigen, weit auseinanderliegenden Häusern. Besonders in Erinnerung bleiben uns die vielen Schweine, die hier gehalten werden, eine interessante Brückenkonstruktion aus zwei Stahlrohren und die kleine Kirche, die aussieht, als hätte sie jemand nur für’s Foto vor die gigantischen Berge gestellt. Dass sich das Dorf sehr stark verändert haben muss, hatten wir bereits in unserem letzten Beitrag über die ersten beiden Etappen des Peaks of the Balkans erzählt. Mittlerweile ist der Tourismus hier stark angestiegen und es gibt unzählige Übernachtungsmöglichkeiten aller Art.

Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Theth Bruecke
Brückenkonstruktion der Dorfbewohner, viele kommen schwer bepackt aus den Bergen hierher
Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Theth Dorfkirche
die Dorfkirche von Theth

Unsere Etappe beginnt entlang des türkisfarbenen Flusses Lumi i Thethit. Schon bald biegen wir auf eine Schotterpiste ab, die sehr (!!) steil berghoch führt, gefühlt fast senkrecht. Da jetzt auch schon die Sonne rausgekommen ist, geraten wir ganz schön ins Schwitzen mit unseren großen Rucksäcken auf den Schultern bzw. Hüften. Aber der Aufstieg wird belohnt: Oben angekommen finden wir sowohl eine kleine Bar, als auch eine wunderschöne Aussicht auf eine riesige Wiese, mit Felsen und Büschen durchzogen und bunt gesprenkelt vor lauter Blumen und Pilzen. Unser Weg führt natürlich diese Wiese hoch! Aber vorher besuchen wir die selbstgebaute Bar, trinken einen Kaffee und gönnen uns eine Pause. Neben uns steht eine ausrangierte Badewanne, wo permanent das kalte Bergwasser durchgeleitet wird. Eine tolle Methode, hier oben in den Bergen Getränke zu kühlen.

Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Lumi i thethit Fluss
Start der dritten Etappe entlang des Flusses Lumi i Thethit
Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Bar in den Bergen
nach einem super steilen Anstieg: Schnaps als „Gruß der Küche“ zum bestellten Kaffee…

Vor uns liegen die ehemaligen Maultierwege, die die Einwohner der Bergregion teilweise noch immer nutzen, um ihre Schäferhütten zu erreichen, die sie im Sommer bewohnen. Unser nächstes Zwischenziel ist der Valbona (albanisch Valbonë) Pass. Während des Anstiegs laufen wir lange Zeit geradewegs auf eine Felswand zu. Später windet sich der Weg einen schmalen Pfad hinauf durch den Wald. Wir bringen die Höhenmeter angenehm hinter uns, hier lässt es sich wirklich gut laufen. Zur Mittagszeit treffen wir bei der nächsten Bar ein und probieren den typischen, albanischen Fli (Flia). Oh, wie sind wir begeistert von diesem Kuchen aus hauchdünnen Pfannkuchenschichten mit einer Füllung aus Käse und Milch! Mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen!

Dass wir auf dieser Etappe schon zwei Bars gefunden haben, liegt an dem Tourismus, der besonders in Albanien gerade angekurbelt wird. Zwar haben wir bis jetzt auch nur zwei andere Wanderer auf der heutigen Etappe gesehen, aber während unserem Mittagessen vor der Bar kommen noch zwei weitere Wanderer dazu. Immerhin… Auf den ersten beiden Etappen sind wir niemanden begegnet, außer den Schäfern in ihren Berghütten und den Gasthausbesitzern in den Dörfern im Tal.

Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Maultierweg Wiese
über den (ehemaligen) Maultierweg laufen wir die Wiese hoch

Den Weg zum Valbona Pass auf 1.759m Höhe bringen wir schnell hinter uns. Von oben sehen wir in der Ferne schneebedeckte Berggipfel und können sowohl in das Tal von Theth, als auch in das von Valbona blicken. Vom Pass aus betrachtet sieht Valbona noch so weit weg und so winzig klein aus, dass wir uns gar nicht vorstellen können, in wenigen Stunden dorthin zu laufen. Die Aussicht ist so atemberaubend, dass wir unsere Rucksäcke kurz ablegen, um den Ort zu genießen. Hier oben sind außer uns noch eine Handvoll anderer Besucher. Auch auf dem Weg, kurz vor dem Pass, hatten wir eine kleine Reisegruppe getroffen. Als wir allerdings auf die beiden kleinen Gipfel in der Nähe laufen, die wir bereits nach wenigen Höhenmetern erreichen, sind wir schon wieder alleine.

Peaks of the Balkans Albanien Valbona Pass Aussicht
von da unten sind wir heute Morgen losgelaufen
Peaks of the Balkans Albanien Valbona Pass Aussicht
Blick vom Valbona Pass auf unser Etappenziel Valbona
Peaks of the Balkans Albanien Gipfel neben Valbona Pass
Abstecher auf den kleinen Gipfel am Valbona Pass

Vom Valbona Pass steigen wir relativ gemächlich (im Vergleich zu gestern auf der zweiten Etappe) im Zickzack zum Valbona Tal ab. Bis hierhin gefällt uns die Etappe richtig gut. Der Weg ist angenehm zu laufen und die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Das ändert sich, als wir an einem Flussbett ankommen, welches aus grobem Schotter besteht… Echt jetzt? Das ist unser Weg? Am Anfang ist das Laufen noch OK, aber nach wenigen Hundert Metern ist es einfach nur nervend und zermürbend. Das Flussbett aus Schotter-Geröll zieht sich ewig lang durch das Tal und möchte einfach kein Ende nehmen (tatsächlich waren es etwa vier Kilometer). Kurz vor dem Ziel müssen wir uns beide noch einmal hinsetzen, weil wir schlicht keine Motivation mehr haben, auch nur noch einen Schritt weiter zu gehen…

In Valbona selbst finden wir schnell das kleine Restaurant Tradita mit Zeltplatz, wo wir übernachten möchten. Neben dem Restaurant gibt es Duschen und Toiletten, die wir benutzen können und einen schön angelegten Gemeinschaftsbereich draußen auf der Wiese. Entlang der Hauptstraße von Valbona stehen vereinzelte Gebäude, insgesamt ist es jedoch sehr ruhig in der kleinen Ortschaft. In kommunistischen Zeiten war Valbona ein Feriendorf. Doch jetzt soll auch hier die Infrastruktur für den Tourismus ausgebaut werden. Für die Tageswanderung über den Valbona Pass sollen den Besuchern auf beiden Seiten der Etappe, in Theth und Valbona, sämtliche Annehmlichkeiten zur Verfügung stehen. Noch ist davon allerdings wenig zu spüren. Was wir auf einer großen, umzäunten Wiese sehen, lässt uns lachen: An einem riesigen Holzeingangstor steht die Beschriftung „Camping, Restaurant, Horse Ride, Helicopter Service (quasi das Pendant zum deutschen Wanderbus *grins), local guides, tennis court“ und dahinter ist rein gar nichts zu sehen, außer der Wiese. Es würde uns interessieren, wie es jetzt dort aussieht (falls ihr schon in Valbona wart: Das Gelände liegt an der einzigen Hauptstraße, kurz hinter dem Ortseingang auf der linken Seite). Wir bauen unser Zelt auf und genießen dann ein leckeres Abendessen mit selbstgebackenem Brot, Blätterteiggebäck, Käse und Salat. Leider fängt es währenddessen an zu regnen. Wir hoffen, dass sich morgen alle Wolken wieder verzogen haben!

Peaks of the Balkans Albanien Valbona Tal Flussbett
das Flussbett… ohne Worte…
Peaks of the Balkans Albanien Valbona wandern
Mirsevini am Ortseingang von Valbona, herzlich willkommen
Peaks of the Balkans Albanien Valbona Tradita Restaurant
Restaurant und Zeltplatz Tradita in Valbona

4. Etappe Valbona – Çerem

ca. 16,1 km – 500m ↗ – 400 m ↘

In der Nacht regnet es immer mal wieder, doch unser Zelt hält uns trocken und als wir am Morgen aufstehen, gibt es fast keine Wolken am Himmel. Im Restaurant versorgen wir uns mit Kaffee und frühstücken gemütlich im Zelt, in unseren Schlafsäcken. Heute liegt die kürzeste Etappe des Peaks of the Balkans vor uns, also können wir etwas später loslaufen als die letzten drei Tage.

Die Etappe beginnt entlang einer asphaltierten Straße, was uns sehr überrascht. Allerdings gibt es sehr viel zu entdecken, sodass uns die wenigen Kilometer auf der Straße nicht weiter stören. Zunächst laufen wir wieder an einem der schönen Gebirgsbäche vorbei, diesmal ist es der Lumi i Valbones. Wir sehen eine alte Mühle, die auf der anderen Seite einer Holzbrücke über dem klaren Wasser steht. Außerdem gibt es an der Natursteinmauer, die uns den Weg zeigt, jede Menge Tiere zu entdecken: Schmetterlinge, Raupen, Geckos, Grashüpfer (die wie die tropischen walking sticks aussehen) und viele mehr. Auch einige Kühe kommen uns gemütlich entgegengeschlendert.

Peaks of the Balkans Albanien Cerem Lumi i Valbones Gebirgsbach
Peaks of the Balkans Albanien Valbona Cerem Kuehe

Ein Auto haben wir auf der ganzen Strecke übrigens nicht gesehen, bis wir an eine Kreuzung kommen. Hier biegt links in den Wald ein Maultierpfad ab, der die kürzeste Strecke nach Çerem ist. Da die Alternative ein 20 Kilometer langer Schotterweg ist, entscheiden wir uns für die Strecke durch den Wald. An der besagten Kreuzung stoppt das Auto neben uns und fragt, ob wir den Weg nach Çerem suchen. Wir bejahen und er zeigt auf den Trampelpfad, der schon nach wenigen Metern im Wald verschwindet. Das Auto wartet auf der Straße, bis wir in den Wald hinein gelaufen sind und der Fahrer guckt uns die ganze Zeit hinterher. Haben wir jetzt irgendetwas nicht verstanden? Schon wieder so eine komische Situation, wie am ersten Tag kurz vor Vusanje… Der Trampelpfad, der durch den dichten Wald führt, ist so schmal, dass wir manchmal nur erahnen können, wo es weitergeht. Rechts von uns fällt der stark abschüssige Hang sicher 100 Meter in die Tiefe. Links geht es genauso steil hoch, in den dunklen Wald. Wir fühlen uns eingeengt. Von der endlosen Weite der vergangenen Tage ist nichts zu spüren. Einmal, als wir durch eine kniehohe Wiese laufen, huscht eine Schlange kurz vor meinen Schuhen her. Zum Glück bin ich nicht drauf getreten, sie muss genau vor mir auf dem „Weg“ gelegen haben.

(Der Weg, den wir hier beschreiben, soll übrigens mittlerweile erosionsbedingt nicht mehr existieren. Das wundert uns überhaupt nicht… Somit habt ihr die Wahl zwischen der Schotterpiste und dem Trampen. In Valbona könnt ihr sicher auch einen Transport organisieren oder einfach eine der Telefonnummern wählen, die entlang der Straße an die Wände gesprüht sind. Dann erreicht ihr Bewohner des Dorfes, die Euch gegen eine kleine Gebühr fahren und ihr könnt so noch die Einheimischen unterstützen.)

Peaks of the Balkans Albanien Valbona Cerem Waesche im Garten
hinter dem letzten Haus von Valbona biegen wir in den Wald ab
Peaks of the Balkans Albanien Maultierpfad Cerem Schlucht
der „Weg“ vor uns, der uns durch die Schlucht führt

Als wir endlich die letzten Meter durch den Wald laufen, hören wir auf einmal ein lautes Rascheln und Rufen aus dem Gebüsch, sehen aber niemanden. Hier wird ja wohl keiner spazieren gehen, denken wir uns. Vorsichtig laufen wir weiter und das Rufen wird lauter. Sind wir gemeint?? Dann kommt auf einmal jemand von links den Abhang herunter gerannt, geradewegs auf uns zu. Ich erschrecke mich dermaßen, dass ich kurz zusammenzucke. Dann steht ein Mann vor uns – mit seinem Handy in der Hand. Er lacht uns fröhlich an, als wäre es das normalste der Welt, hier am Abgrund durch den Wald zu laufen. OK, für ihn ist das vielleicht auch so, räume ich gedanklich ein. Er ist durch den Wald gelaufen, weil es hier eine ganz bestimmte Stelle gibt, wo er Empfang hat. Mit wenigen Wörtern Englisch erklärt er uns, dass wir bei ihm übernachten sollen. Er läuft die restliche Etappe neben uns her, bis wir bei ihm im Vorgarten stehen. Auf dem Weg erzählt er etwas über die kommunistische Zeit und deutet auf die verlassenen Militärgebäude und riesige Höhlen in den Felswänden. Leider fehlen uns die Sprachkenntnisse und wir verstehen kaum etwas. Auch, ob er nun mit dem Autofahrer vom Beginn der Etappe zusammengehört, werden wir wohl nie erfahren.

Peaks of the Balkans Albanien Cerem verlassene Gebaeude
auf der Schotterpiste, die nach Çerem führt, stehen mehrere verlassene Gebäude
Peaks of the Balkans Albanien Hirtendorf Cerem
tolle Begrüßung, als wir am Haus unseres Begleiters ankommen

Çerem ist wirklich winzig klein. Es gibt gerade einmal eine Handvoll Häuser. Im Winter ist der Ort gar nicht bewohnt, weil der Schnee die einzige Zufahrtsmöglichkeit über die Schotterpiste unmöglich macht. Außerdem ist das Klima hier oben in den Bergen einfach zu rau, um die Wintermonate hier zu verbringen. In unserer Unterkunft werden wir zunächst der Mutter unseres Begleiters vorgestellt. Sie wird uns gleich etwas kochen, wird uns mit Zeichensprache erklärt. Super! Hunger haben wir auf jeden Fall! Wir stellen unsere Sachen in das Gästezimmer mit vier Betten, welches wir für uns alleine haben, und setzen uns draußen an den Tisch unter einen kleinen Pavillon. Auf dem Grundstück gibt es sonst noch das alte Wohnhaus der Familie, mit einer Küche, die draußen unter einem kleinen Unterstand zu finden ist. Etwas unterhalb wurde ein neueres Haus gebaut, indem sich das Gästezimmer und ein Badezimmer befinden. Daneben steht eine Art Schuppen, welcher das Wohnzimmer der Familie ist. Denn darin steht ein großer Ofen, der das kleine Zimmer beheizt. Als wir eintreten, schlägt uns eine dicke Rauchwolke entgegen, weshalb wir uns entscheiden, draußen zu essen. Zum Glück ist es warm genug.

Nun erfahren wir erst einmal, wie unser „Begleiter“ und Besitzer der Unterkunft heißt: Kujtim Gocaj… Erinnert ihr Euch? Der Zettel, den wir in Vusanje von Avni bekommen haben!? (Wenn ihr es noch nicht gelesen habt: Der Guesthouse-Besitzer unserer ersten Unterkunft wollte uns, so haben wir jetzt herausgefunden, an seinen Cousin Kujtim Gocaj verweisen, der uns in Çerem beherbergen soll. Kujtim wusste also Bescheid, dass wir kommen und hat deshalb im Wald auf uns gewartet…) Als nächstes wird uns auch ein „Polizei“-Ausweis gezeigt, auf dem das Lichtbild von Kujtim zu sehen ist. Was für eine Art von Kontrollbehörde das genau ist, können wir nicht herausfinden, aber hier oben in den Bergen ist er die Polizei! Na, dann ist es ja gut, dass wir uns jetzt mit ihm angefreundet haben *grins.

Das Abendessen fällt mehr als üppig aus. Kujtim und seine Mutter hätten locker mitessen können, aber sie setzen sich nur neben uns und schaufeln uns die Teller noch immer voll, als wir schon längst satt sind. Die Zutaten stammen alle aus dem eigenen Garten oder von den Schafen und Ziegen der Nachbarn. Es schmeckt hervorragend! Ohne Schnaps kann so ein Essen natürlich nicht beendet werden und den trinkt Kujtim dann auch mit! Als wir nach unseren bisherigen Etappen gefragt werden, holen wir unser Zeigewörterbuch und ahnen in dem Moment noch nicht, was wir damit auslösen… Stundenlang sitzen wir zusammen, zeigen auf verschiedene Bilder, Tiere oder Käsesorten und haben sehr viel zu lachen. Kujtim möchte uns unbedingt alle Tiere, die es in den Bergen gibt, auf Albanisch beibringen und wir können uns die Wörter kaum merken, geschweige denn richtig aussprechen. (Thomas schlägt sich immerhin besser als ich und rettet unsere Ehre *grins.) Wir freuen uns über die nette Gesellschaft, doch da es langsam kalt wird und wir müde sind, legen wir uns bald schlafen.

Peaks of the Balkans Albanien Cerem Guesthouse Gocaj
altes Haus der Familie mit der offenen Küche davor

5. Etappe Çerem- Dobërdol (Albanien)

ca. 17,4 km – 1.000m ↗ – 500 m ↘

Wir haben gut geschlafen und werden am Morgen mit einem typisch albanischen Frühstück geweckt. Es gibt nahezu das Gleiche, wie in Theth, nämlich verschiedene Milchprodukte, gezuckerte Beeren und selbstgebackenes Brot. Der „Butter-Käse“ bleibt wieder für Thomas übrig…

Peaks of the Balkans Cerem Hirtendorf Holzbruecke
Blick auf Çerem und die alte Holzbrücke des Dorfes

Von Çerem aus laufen wir eine lange Zeit über eine schöne Wiese berghoch. Auch hier sprießen wieder riesige Pilze aus dem Boden und bunte Schmetterlinge flattern zwischen uns her. Einen richtigen Weg gibt es nicht. Im Sommer sollen wohl mehr Spuren zu sehen sein, wenn das plattgetretene Gras zu einem Trampelpfad wird. Aber wir laufen einfach parallel zum Wald den Berg hoch, bis wir oben einen kleinen Feldweg erreichen. Eine kleine Hütte, die im Sommer wohl als Bar dient, hat geschlossen. Aber es gibt auch eine Wasserstelle, an der wir uns bedienen. Die Kühe am Wegesrand schauen uns dabei zu.

Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Bergwiese
der erste Teil der Etappe führt lange Zeit über eine Wiese berghoch, hier der Blick zurück ins Tal

Nach einem kurzen Stück Feldweg erreichen wir die montenegrinische Grenze, die mit einer halb verfallenen Steinpyramide gekennzeichnet ist. Das ist der erste von insgesamt vier grünen Grenzübertritten auf dieser Etappe. Am Ende werden wir also wieder in Albanien übernachten. Wir laufen etwas mehr als zwei Kilometer durch den Wald, bevor wir schon das nächste verlassene Gebäude sehen. Oben auf dem Berg thront ein kleines Haus, wie eine Art Wachturm, von wo aus die Grenze überwacht wurde. Der Weg führt uns wieder in den Wald, diesmal bergab. Wir empfinden die Etappe insgesamt als sehr angenehm, da die Höhenmeter gut über die gesamte Strecke verteilt sind und es nicht nur einmal am Morgen hoch geht und am Abend wieder runter.

Peaks of the Balkans Montenegro Albanien gruene Grenze
wir nehmen den linken Weg nach Montenegro
Peaks of the Balkans Montenegro Albanien Berglandschaft
entspanntes Wandern in den Bergen mit fantastischer Aussicht

Bald sehen wir ein kleines Hirtendorf und sind uns sicher, dass es Balqin sein muss. Eigentlich sind wir mit Essen und Trinken gut versorgt. Trotzdem entscheiden wir uns, in Balqin einen Kaffee zu trinken, da uns zwei Bewohner freundlich zu sich winken und einladen, bei ihnen Platz zu nehmen. Die Pause auf den Holzschemeln vor dem Haus, mit der Sonne im Gesicht, tut gut! Außerdem bekommen wir einen kleinen Eindruck von dem Leben hier oben in den Bergen, als unsere Gastgeberin uns einlädt, das Haus anzugucken und sie uns zeigt, wie sie auf der offenen Flamme backt und kocht. Neben dem Haus sind verschiedene Gatter zu den Viehweiden der Ziegen und Schafe. Als wir uns verabschieden, sieht der Schäfer unsere Pfeife, die wir für den Notfall an unserem Rucksack hängen haben und probiert sie kurzerhand aus. Au! Ist das laut!! Er ist begeistert und möchte sie haben. Wir gucken uns an: Doch nicht ausgerechnet die Pfeife… Wir verschenken gerne einige unserer Sachen, wenn wir auf Reisen sind. Aber hier oben in den größtenteils unbewohnten Bergregionen ausgerechnet das Weggeben, was uns im Zweifel retten kann? Blitzschnelles Abwägen: Wir möchten ihm gerne ein Freude machen und wie gefährlich ist es wirklich, hier oben zu wandern?… OK, wir haben noch eine zweite Pfeife dabei und dann bleiben wir einfach die ganze Zeit zusammen und passen auf. Entschieden. Der Schäfer strahlt über das ganze Gesicht und alleine dafür hat es sich wohl schon gelohnt. Wir brechen auf und verabschieden uns. Gerade, als wir das Grundstück der Familie verlassen möchten, kommt der Schäfer uns jedoch mit einem großem Paket hinterhergerannt. Er öffnet es, als er vor uns steht und der Duft von frisch gebackenem Blätterteig steigt uns in die Nase. Mmmh! Die Wagenrad große Pite mit Spinat und Käse soll für uns sein. Der Schäfer strahlt uns erneut über das ganze Gesicht an. Alle Versuche, das Essen abzulehnen oder wenigstens nur die Hälfte mitzunehmen, scheitern. Am Ende haben wir also unsere Pfeife gegen zwei große Portionen Pite eingetauscht…

Peaks of the Balkans Hirtendorf Albanien Balqin Kaffee
Ausblick auf Balqin während unserer Kaffeepause
Peaks of the Balkans Hirtendorf Albanien Balqin Pide
unsere Gastgeber pfeifen und winken uns zum Abschied hinterher

Auf den folgenden Kilometern fängt es immer mal wieder an zu regnen. Beim ersten Mal trifft uns ein rasend schneller Wetterumschwung ziemlich überraschend und wir holen in Rekordzeit unsere Regenhüllen für die Rucksäcke und die Jacken für uns raus. Auf einer schönen Wiese machen wir später eine Mittagspause in der Sonne. Kaum haben wir jedoch aufgegessen, setzt wieder Regen ein… Zum Glück ist es trotzdem noch warm. Im dichten Nadelwald werden wir von den Bäumen geschützt und der Regen stört gar nicht mehr so sehr. Gut gelaunt und froh über die heutige Etappe, ohne steilen Anstieg, mit Besuch eines Hirtendorfs und jeder Menge leckerem Essen im Rucksack, kommen wir an eine Lichtung. Gemäß unseres Wanderführers müssen wir einem markiertem Pfad folgen, der leicht links abknickt. Aber wir sehen keine Markierung… Auch nicht nach dreimaligem Im-Kreis-Laufen. OK, und jetzt? Wir sehen zwei Spuren, die wir als Weg ansehen würden, eine geradeaus nach unten und eine nach links, am Abhang entlang. Das ist die zweite Etappe, auf der wir die Karte und den Kompass wirklich brauchen. Unsere Entscheidung ist eindeutig: Wir müssen geradeaus! – Aber wieso steht im Wanderführer „links abbiegen“? Wir vertrauen dem Wanderführer und gehen links. Doch schon bald stellt sich heraus, dass das ein großer Fehler war. Nach einigen Höhenmetern hoch und runter kommen wir wieder an der gleichen Lichtung an. Mist! Na, immerhin war es nur eine kleine Runde und wir wissen, wo wir sind! Wir ärgern uns nur kurz, denn so muss ja der von uns auserwählte Weg der richtige sein.

Peaks of the Balkans Albanien Bergwiese
Mittagspause auf einer schönen Wiese irgendwo zwischen Çerem und Dobërdol

Der gewählte Weg geradeaus ist steil und wir erreichen schnell das Tal, in dem einige verlassene Schäferhütten stehen. Aus den Bergen kommt an verschiedenen Stellen das Wasser runter, sodass wir immer wieder an kleinen Wasserfällen vorbei kommen. Das Dorf ist schön anzusehen, aber auch schnell durchquert. Die Menschen, die hier wohnen, haben Wassersysteme aus Holztafeln gebaut, die das Bergwasser in eine Badewanne oder ein Waschbecken in ihrem Vorgarten leiten. So haben sie ständig frisches Trinkwasser. Auf der anderen Seite des Dorfes verliert sich der Weg und wir wissen nicht mehr wirklich weiter. Es soll ein Waldabschnitt folgen. Aber der Weg in den Wald, den wir auf der anderen Flussseite sehen, passt nicht zu der Wegbeschreibung im Wanderführer. Und überhaupt, eigentlich sollten wir gar nicht die Flussseite wechseln, denn Dobërdol liegt auf unserer Seite des Flusses. Langsam werden wir unruhig.

Peaks of the Balkans Albanien verlassenes Schaeferdorf
verlassenes Hirtendorf irgendwo im Norden von Albanien

Wir laufen dennoch in den Wald, mangels Alternativen. Dort versuchen wir uns zu orientieren, damit wir unsere Position auf der Karte finden. Aber es gibt keine Sonne und auch sonst keine Merkmale in der Landschaft, die uns weiterbringen würden. Wasserfälle sind zwar auch auf der Karte eingezeichnet, aber die gibt es hier wirklich an jeder Ecke. Wir wissen jedoch, dass wir dem Talverlauf weiter folgen müssen, um an unser Ziel zu gelangen. Also beschließen wir, parallel zum Fluss durch den Wald zu laufen. Da uns schon klar ist, dass wir ohne Kompass nicht geradeaus laufen werden, folgen wir der Kompassnadel. Wir finden es faszinierend und erschreckend zugleich, wie schlecht die menschlichen Sinnesorgane doch sind, wenn es darum geht, einfach nur geradeaus zu laufen… Es fängt an zu dämmern und die Unruhe in uns wird größer. Schon vor der ersten Etappe hatten wir vereinbart, dass wir nie im Dunklen durch die Bergregion laufen. Lieber würden wir vor dem Etappenziel zelten und am nächsten Morgen im Hellen weiter wandern. Aber ein bisschen Zeit bleibt uns noch.

Im Wald ist es bereits sehr dunkel, da die Bäume dicht stehen. Einen Weg gibt es nicht. Wir laufen immer am Abhang entlang und müssen aufpassen, dass wir nicht wegrutschen. Auf einmal pikst mich etwas kräftig in meinen Fuß. Was ist denn jetzt noch? Ich sehe, dass meine geliebten Wanderschuhe ein Loch haben und ein dicker Ast darin steckt. Ja, wenn’s einmal läuft… Mein Tritt ist nicht mehr so sicher, da sich die Sohle etwas abgelöst hat. Aber das nächste Problem kommt sofort und ist schlimmer: Wir stehen vor einer tiefen Schlucht und vor uns geht es senkrecht bergab. Ich kann nicht mehr. Aber wir müssen die Ruhe bewahren – und genau das schaffen wir jetzt nicht mehr. Oben auf dem Berg würde es eine Art Straße geben, sehen wir auf der Karte. Aber wir wollen so schnell wir möglich aus dem Wald heraus. Es ist so dunkel, dass wir kaum noch sehen, wohin wir treten. Wir verlieren die Konzentration und taumeln eine gefühlte Ewigkeit durch den Wald. Bis Thomas plötzlich ruft: „Ich weiß, wo wir sind!“ und ich bin mir nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Ich trete neben ihn und sehe es dann auch. Wir sind genau auf der Wiese, wo wir vor etwa vier Stunden unsere Mittagspause gemacht haben. Wir sind im Kreis gelaufen.

OK, jetzt habe ich wirklich genug. Wir sollten unser Zelt aufbauen und uns hinlegen und dann morgen früh mit dem Sonnenaufgang nach Dobërdol laufen. Doch Thomas möchte das partout nicht. Ob wir es nun vereinbart hatten oder nicht, es ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion. Wir laufen von der Mittags-Wiese wieder zu der Lichtung, auf der wir mittlerweile schon zwei Wege ausprobiert haben. Unser riesiges Glück ist, dass wir nahezu Vollmond haben und so können wir den Pfad vor uns gut erkennen. Erneut suchen wir alles ab. Es gibt nur zwei Wege: Geradeaus und links. Punkt. Schräg links… da ist nichts. Doch dann erinnert sich Thomas, dass er auf dem Weg geradeaus eine Markierung gesehen hat. Wir gehen den Weg erneut bergab und finden tatsächlich nach mehreren Metern unsere Wegmarkierung hinter einem Stein (von der wir dachten, sie gehört zum Weg, der geradeaus führt)! Und hinter dem Stein führt ein winziger Trampelpfad, den wir beim ersten Mal überhaupt nicht wahrgenommen haben, ins Nichts. Das ist jetzt unsere letzte Chance. Wir sind uns sicher, dass es passen muss. Im Mondschein laufen wir in sehr, sehr schnellem Tempo durch die albanischen Berge. Die Dunkelheit und alle potentiellen Gefahren haben wir komplett ausgeblendet. Wir funktionieren nur noch und das klappt jetzt super. Einer gibt den Ton an, der andere korrigiert bei Bedarf. Wir laufen eine sehr steile Wiese herunter, biegen noch einmal falsch ab, merken es aber schnell und können nach einer Stunde im gefühlten Dauerlauf, einen kleinen Ort in der Ferne sehen. Da ist unser Ziel, Dobërdol!

Wir verlangsamen das Tempo und atmen ein paar Mal tief durch. Das Mondlicht lässt uns eines der Häuser erkennen und es ist sogar Licht an. Also werden wir jemanden antreffen! Geschafft von der letzten Stunde im Wald, laufen wir erleichtert zum Dorf, bis uns ein lautes Knurren entgegenschlägt. Das auch noch… Ich laufe vorsichtig weiter und das Knurren verwandelt sich in ein aggressives Kläffen. Während ich mich noch darüber freue, dass wir angekündigt werden und dann wahrscheinlich gleich der Besitzer zu uns kommt, weicht Thomas zurück. Wir versuchen, mit Licht und Pfeifen auf uns aufmerksam zu machen. Die Hunde bellen weiter, aber von den Dorfbewohnern zeigt sich niemand. Ich würde einfach weiter gehen, denn ich bin viel zu müde, um nicht den kürzesten Weg zur Unterkunft zu wählen. Doch wir entscheiden uns am Ende, nicht in das Dorf zu gehen, sondern oberhalb des Dorfes unser Zelt aufzustellen. Das klappt super schnell, da die Wiese vom Mond hell erleuchtet ist. Wir legen uns schnell hin und freuen uns über die frische Pite zum Abendessen.

Thomas schläft schnell ein, ich liege noch länger wach und höre immer wieder das Bellen der Hunde. Wahrscheinlich merken sie, dass Fremde in ihrem Revier sind. Gerade, als ich langsam eindöse, wird das Bellen lauter und kommt näher. Oh nein! Ich gucke nach links, Thomas schläft – nach mehrfachem Anstupsen nicht mehr! „Hey, die Hunde kommen! Was sollen wir denn machen??“ – „Ach, die bellen doch nicht wegen uns… Schlaf weiter.“ Danke, jetzt bin ich richtig beruhigt… Wenn sie nicht wegen uns bellen, dann doch nur wegen anderer Tiere, die sich nähern. Und die Hunde sind so aggressiv, dass es sicher keine Häschen sind, die das auslösen. Ich denke an die Braunbären und Wölfe und versichere mir selbst, dass die Hunde doch wegen uns so aufgebracht sind! Das Kläffen wird immer aggressiver und lauter. „Hey Thomas, die Hunde stehen doch direkt neben uns!“ – „Ach, Quatsch! Die sind voll weit weg!„, murmelt er und schläft wieder ein. Währenddessen habe ich das Gefühl, den Atem der Hunde durch die Zeltplane zu spüren. Ich presse mich auf den Boden, wende das Gesicht in die Zeltmitte und atme flach. Bloß nicht auffallen…


Wie es nach diesen abwechslungsreichen, interessanten und aufregenden Etappen 3 bis 5 weiter geht, lest ihr in unserem nächsten Beitrag Peaks of the Balkans – auf eigene Faust durch die totale Isolation (Etappe 6 & 7) . Denn das war noch nicht alles… Unsere Erlebnisse auf den Etappen 1 & 2 findet ihr hier. Haben wir Eure Wander- und Abenteuerlust schon geweckt? Wir freuen uns auf Eure Kommentare! Viele Grüße Jenny

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